JAS e.V. – (Un-) Gerechtigkeit in deinem Kiez – Schüler - Studierenden - Workshop in Berlin-Neukölln

Januar 2013

Gerechtigkeit – Was ist das eigentlich? Wer legt fest, was gerecht ist? Wie widerfährt uns Ungerechtigkeit im Alltag? Und wie können wir dem begegnen? Diesen und weiteren Fragen rund um Gerechtigkeit widmeten sich im Januar 2013 die Schüler/innen der 11. Klasse des Albrecht Dürer Gymnasiums im Rahmen ihrer Projektwoche. JAS e. V. bot in Kooperation mit der TU Berlin einen Workshop zu Gerechtigkeit und Stadt an. 12 Schüler/innen spürten zusammen mit 12 Studierenden der Stadt- und Regionalplanung (Un-)Gerechtigkeit in ihrem Kiez auf. Mit öffentlichkeitswirksamen Interventionen im Stadtraum machten sie auf ihre Befunde aufmerksam und versuchten Ungerechtigkeiten zu überwinden!

Um das Thema Gerechtigkeit zu konkretisieren und für eine Untersuchung im Stadtraum greifbar zu machen, konzentrierte sich die Projektgruppe auf den Themenschwerpunkt sichtbare und unsichtbare Grenzen im Stadtteil. Ziel des Workshops war es, Grenzen in der Stadt zu benennen, diese in Berlin-Neukölln aufzuspüren und abschließend zu durchbrechen.

Schüler/innen und Studierende arbeiteten in drei Kleingruppen zusammen und begannen den gemeinsamen Workshop mit einer Ideensammlung. Welche Grenzen kommen einem spontan in den Kopf? Welche Grenzen muss man im Alltag immer wieder überwinden? Wichtige Schlagwörter, die in diesem Zusammenhang diskutiert wurden, waren das Vorhandensein und die Zugänglichkeit öffentlicher Räume, Regeln und Vorschriften, die bestimmte Raumnutzungen einschränken oder verbieten, Kosten und Armut, welche Menschen von bestimmten Aktivitäten ausgrenzen, Rassismus, der im Straßenraum Ausdruck findet, sowie Gefahren, Angst, Alter und Gesundheit als Barrieren, die Menschen an der Nutzung öffentlicher Räume hindern.

Im nächsten Schritt erforschten Schüler/innen und Studierende in ihren Teams Berlin-Neukölln. Bei Streifzügen durch die Stadt wurden im lokalen Kontext weitere Grenzen entdeckt, Grenzen wurden konkret in Neukölln verortet und es konnten Verhaltensmuster im Umgang mit Grenzen beobachtet werden. In zahlreichen Fotos wurden Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit im Kiez dokumentiert.

Im weiteren Verlauf des Workshops machte jedes der drei Teams eine konkrete Grenze zum Thema ihrer Arbeit. Das gewählte Thema wurde in einer Collage mit Fotos aus den Streifzügen visualisiert. Im Anschluss entwickelte jedes Team Ideen, wie die jeweilige Grenze durchbrochen werden könnte. In einer Intervention im Stadtraum wurden diese Überlegungen in die Tat umgesetzt. Damit konnte nicht nur das Überwinden von sichtbaren und unsichtbaren Grenzen im eigenen Kiez erprobt werden, sondern zusätzlich wurden Passanten auf die Entdeckungen und Ideen der Teams aufmerksam. Viele Gespräche mit neugierigen Neuköllner/innen wurden während der Interventionen geführt und einige Aktionen boten Passanten die Möglichkeit selber aktiv zu werden.

Jugendgerechte und saubere Aufenthaltsräume – Neukölln muss aufgeräumt werden!

Unter dem Slogan Neukölln muss aufgeräumt werden befasste sich ein Schüler-Studierenden-Team mit

Vermüllung, Unordnung und schlechter Aufenthaltsqualität als Grenzen, die die Nutzung des öffentlichen Raums einschränken. Rund um die Karl-Marx-Straße, so die Erkenntnisse aus dem Stadtspaziergang, fehlt es an großzügigen, sauberen Räumen, die nicht nur kommerziell genutzt werden, sondern der spontanen und kreativen Raumaneignung zur Verfügung stehen. Um diese Grenze zu durchbrechen und sich eigene Freiräume zu schaffen, räumte das Team in Neukölln auf. Bewaffnet mit Putzeimern und Müllsäcken eigneten sich Schüler/innen und Studierende gemeinsam eine Ecke Neuköllns an, sorgte für Sauberkeit und richtete sich temporär häuslich ein. Mit mitgebrachten kleinen Möbeln und temporärer Wanddekoration entstand für kurze Zeit ein gemütlicher Aufenthaltsraum unweit der Karl-Marx-Straße.

Sportflächen für Jugendliche – Wir brauchen Plätze zum sein, nicht zum weinen!

Ein Team aus Schüler/innen und Studierenden widmete sich den Möglichkeiten in Neukölln Sport zu treiben. Die Ortsbegehung zeigte, dass es insgesamt wenige Sportflächen gibt und diese häufig auch nur begrenzt nutzbar sind (u. a. aufgrund von Öffnungszeiten). Mit ihrer Intervention hat das Team in einem ersten Schritt symbolisch auf die vorgefundenen Grenzen (Zäune, Schilder mit Öffnungszeiten,...) aufmerksam gemacht. Mit einer riesigen selbstgebastelten Schere durchtrennten Schüler/innen und Studierende Zugangsbarrieren und machten Passanten so auf ihr Anliegen aufmerksam. In einem zweiten Schritt installierte das Team auf der Karl-Marx-Straße temporär einen Basketballkorb und gewann schnell viele Mitspieler/innen!

Jugendliche nutzen Leerstand für sich – Ein Krankenhaus, das einst den Menschen half, soll wieder helfen!

Große leerstehende Gebäudekomplexe können innerhalb eines Stadtviertels schnell zur Grenze werden, so stellte das dritte Team im Laufe des Workshop fest. Am Beispiel eines ehemaligen Krankenhauses, das heute leer steht, untersuchten Schüler/innen und Studierende gemeinsam die Wirkung eines solchen Leerstandes. Schnell wurde klar, dass die große Fläche ein besonderes Potential der Raumaneignung bietet; aktuell ist das verwahrloste Gebäude aber ein Angstraum, eine Barriere im Gebiet, ein verschwendetes Potential. Im Kontext ihrer Intervention hat sich das Team den ehemaligen Krankenhauskomplex daher zu eigen gemacht und wohnlich gestaltet. Um auf das große Potential Jugendlicher als Nutzer und Anwälte leerstehender Gebäude aufmerksam zu machen, richteten Schüler/innen und Studierende symbolisch einige Krankenhausräume temporär neu ein. Es entstanden eine Bowlingbahn, ein Schwimmbad, eine Disko und vieles mehr.

Den Abschluss des Workshops bildete die Projektpräsentation am Albrecht Dürer Gymnasium. Schüler/innen und Studierende stellten ihre Ergebnisse an der Schule aus und berichteten anderen Schüler/innen, wie sie (Un-)Gerechtigkeiten im Kiez aufgespürt und überwunden haben. Im Austausch mit anderen Workshops zum Thema Gerechtigkeit entstand insgesamt ein breiter und spannender Blick auf das Thema, der in Filmen, Plakaten, Vorträgen, Diskussion und anderen Formaten präsentiert wurde.

Ort:

Neukölln, Albrecht Dürer Gymnasium, Hermann-Sander-Grundschule, Technische Universität Berlin

Teilnehmer/innen:

12 Jugendliche der 11. Klasse am Albrecht Dürer Gymnasium, Berlin-Neukölln

12 Studierende der Stadt- und Regionalplanung am Institut für Stadt- und Regionalplanung der Technischen Universität Berlin

Team:

Prof. Dr. Angela Uttke, Leiterin des Fachgebietes Städtebau und Siedlungswesen am Institut für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin und JAS Jugend-Architektur-Stadt e. V.

Anna Juliane Heinrich, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Städtebau und Siedlungswesen am Institut für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin und JAS Jugend-Architektur-Stadt e. V.

Harald Rogge, Lehrer am Albrecht Dürer Gymnasium, Berlin-Neukölln

Zeitraum:

28.01.2013 bis 31.01.2013